Ohne Hilda kein Austausch mit Ungarn

Hintergrundgespräch zum Ungarn-Austausch mit Hilda Daskalopoulos-Kuzbelt

Hilda Daskalopoulos-Kuzbelt mit den ungarischen Kochpraktikanten im Oktober 2021
Hilda Daskalopoulos-Kuzbelt mit den ungarischen Kochpraktikanten im Oktober 2021

Hilda, erzähle mal: Wie hast du, wir habt ihr an der Schule in Gyöngyös die letzten eineinhalb Jahre erlebt?

 

Hilda:  Im März 2020 hat alles angefangen Ja, am 16. März haben wir Onlineunterricht gemacht. Das war für uns alle neu, wir hatten damals gar keine technischen Möglichkeiten den Unterricht fortzusetzen. Dann haben wir hin und her überlegt, gesucht und Classroom gefunden. Du kannst damit Lernmaterialien speichern, die Schüler können so nachschauen und selbst Lücken auffüllen; du kannst Leistungskontrollen durchführen und Tests zusammenstellen.

Der Onlineunterricht hing dann natürlich von den Geräten ab, über die der Schüler jeweils verfügt hat. Viele Schüler hatten nur ihr Mobiltelefon dafür. Bei uns sind viele arme Schüler, die fast nichts haben. Unser Schulträger vom Malteser Hilfsdienst hat uns da viel ausgeholfen und uns Computer und Laptops zur Verfügung gestellt. Dann habe ich eine Gruppe gegründet mit den Kollegen, die Ahnung hatten von Informatik, die dann die anderen Kollegen geschult und den Schülern geholfen haben.

Bis Mitte Juni haben wir Onlineunterricht gemacht. Danach war normaler Unterricht an der Schule, aber die Eltern hatten die Möglichkeit ihre Kinder zuhause zu lassen.

 

Sind dann die wieder in die Schule gekommen? Oder hattest du den Eindruck, dass viele zu Hause geblieben sind?

 

Hilda: Die meisten sind in die Schule gekommen: Wir sind ja vor allem eine Berufsschule: Man kann nicht Koch oder Kellner über Video schauen lernen. Wie wollen sie servieren lernen, kochen, backen: Das muss man selbst auch praktisch tun. Wir haben ihnen auch Aufgaben gegeben, z. B. eine Nusstorte zuhause zuzubereiten und das Rezept aufzuschreiben, dann eine Aufnahme von der Torte zu machen und diese übers Handy zu schicken. Das hat schon geklappt, aber die Praxis fehlt einfach. Darum sagte ich den Eltern auch, wenn sie die Kinder zuhause lassen wollten, dass die Verantwortlichkeit bei ihnen liege, sie dann die Hausaufgaben kontrollieren müssten und nachschauen, ob das Kind alles lernt.

Wir haben aber ab Juni, als die Schule wieder angefangen hat für alle, nur Wiederholungsunterricht gemacht, keine neuen Themen und Leistungskontrollen. Normalerweise geht bei uns das Schuljahr bis Mitte Juni. Wir haben aber diese Schulzeit bis Ende Juni verlängert   Es haben nicht alle Kollegen mitgemacht, aber viele. Wir hatten ja dann auch noch das Abitur abzunehmen, aber nur den schriftlichen und den fachpraktischen Teil. Das mündliche Abitur und die mündlichen Fachprüfungen sind ausgefallen.

 

Wir haben auch viel gelernt, wir Kollegen in dieser Zeit und uns in den Ferien auf einen zweiten möglichen Lockdown vorbereitet. Jeder Kollege hat eine private E-Mail-Adresse von der Schule bekommen und hat einen Kurs in Classroom für sein Fach angelegt. Unser Ministerium hat Classroom weiterentwickelt und uns Meet zur Verfügung gestellt, als Unterrichtsplattform. Als die Schüler dann ab dem ersten September wieder kamen, war alles perfekt vorbereitet.

Hilda Daskalopoulos-Kuzbelt mit Lehrkräften der Constantin-Vanotti-Schule, Herr Keller vom "Landgasthof Keller" Lippertsreute, Peter Vögele vom Gasthaus "Adler" Lippertsreute und Tobias Sickler vom "Schwert" Baufnang sowie dem damaligen Schulleiter der CVS Günter Reichle im Jahr 2017

Dann habt ihr praktisch durchgearbeitet durch die Sommerferien und das haben deine Kollegen mitgemacht?

 

Hilda: Ja, zusammen haben wir das gemacht, das war toll. Und als im November die zweite Periode angefangen hat, waren viele von uns fertig vorbereitet.

Allerdings hat das Ministerium sich jeden Tag anders entschieden, weil unsere Schule eine gemischte Schule ist: Wir haben ein Gymnasium, wir haben eine Berufsschule und wir haben ein Technikum. Mit dem Gymnasium fallen wir unter die eine, mit der Berufsschule unter die andere Regel. An einem Tag gab begann der normale Unterricht wieder, am anderen Tag sollten wir weiterhin Onlineunterricht durchführen. Mit den Gymnasiasten haben wir dann Präsenzunterricht gemacht.

 

Und in der zweiten Periode lief dann der Onlineunterricht gut?

 

 

Hilda: Im Frühjahr 2020 haben wir nicht nach dem Stundenplan unterrichtet und wir haben festgestellt, dass es nicht gut ist. Ich habe meinen Kollegen nahegelegt, den Stundeplan im November einzuhalten. Denn während des ersten Lockdowns haben die Schüler allen Rhythmus verloren, sind um 10:00 aufgestanden und haben die Kamera nicht einschalten wollen, weil sie noch im Pyjama dasaßen, noch keine Kaffee getrunken haben oder ihre Frisur nicht saß…Unser Träger war mit dieser Idee zunähst nicht ganz einverstanden, aber meine Kollegen haben mich unterstützt und gemeint: Hilda, machen das. Und dann waren – obwohl wir nach Stundenplan unterrichtet haben- trotzdem noch Schüler dabei, die die Kamera nicht anmachen wollten. Für mich ist wichtig, dass sie in jedem Fall teilnehmen aber zum Beispiel Fremdsprachunterricht ohne zu sprechen (wenn das Mikro mal wieder nicht tut) sowieso Unterricht, wenn man die Gesichter nicht sieht, das ist schwierig. Ich habe meine Kamera immer an, damit die Schüler mich sehen, anders funktioniert das Lernen nicht. Ich habe den Schülern gesagt, schaut, ich bin zuhause und habe auch den Trainingsanzug an, wenn du in deinem Pyjama dasitzt, macht das nichts, Hauptsache, du bist dabei.

 

Wie war das bei euch: Wie seid ihr mit Corona umgegangen, welche Regeln gab es? Gibt es Unterschiede, wenn du jetzt Deutschland und Ungarn beide zusammensiehst?

 

 

Hilda Gleich von Anfang an und überall war bei uns das Masketragen obligatorisch. Die Schulen waren geschlossen so wie bei euch. Wir haben am Eingang der Schule Fieber gemessen; mit 38° durfte man nicht hinein gehen. Mit den Impfungen ist es anders als bei euch. Wir haben vom Ministerium mögliche Impftermine bekommen und wurden darüber per SMS informiert. 90% der Pädagogen in Ungarn sind geimpft. Die Impfung ist nicht obligatorisch, man schlägt das eben vor, das ist ja hier auch so. Manche Leute sagen bei uns, dass das eine politische und finanzielle Geschichte sei, sie haben keine Angst vor dem Virus.

 

Wie geht es deinem Kollegium jetzt nach diesen eineinhalb Jahren Coronazeit?

 

Hilda Wir haben festgestellt, dass der Onlineunterricht deutlich schlechter ist.  Für uns war das Schuljahr 2020/2021 kein Jahr, was die Schüler in ihrer Bildung und ihrem Wissen weitergebracht hat, so sehen es wir hier.

Hilda Daskalopoulos-Kuzbelt mit Lehrkräften der Constantin-Vanotti-Schule, Tobias Sickler vom "Schwert" Baufnang und dem damaligen Schulleiter der CVS Günter Reichle im Jahr 2019

 

Letztes Jahr konntet ihr ja auch nicht über Erasmus+ zu uns nach Deutschland kommen…

 

Hilda:  Ja, gottseidank geht es nun weiter…Erasmus+ hat gesagt, wir können die Reisen verschieben, das sei kein Problem. Wir stehen mit sechs Ländern in Kontakt per Erasmus+: Italien, Finnland, England, Österreich und Spanien. Dort haben wir jeweils mit mindestens einer Schule Kontakt. Allerdings ging es für dieses Jahr nur mit Deutschland. Nach Spanien können wir nicht, weil sie dort das ganze Schulsystem verändern, da hätten unsere Schüler nur theoretischen Unterricht und das geht nicht, denn sie verstehen Spanisch nicht, es geht um die Berufspraxis…Nach Finnland dürfen wir erst ab Mai 2022, Österreich weiß noch nicht, wann wir wieder kommen dürfen und von Italien haben wir nichts gehört. Wir haben auch gewartet, was bei euch passiert und waren in ständigem Kontakt mit Nicole Czerwoniak und Uwe Kochendörfer.  Erst im September kam das Ok für die Schule und dann mussten wir ja noch die Betriebe finden, die unsere Schüler aufnehmen. Das hat dieses Jahr nur bei Peter Vögle vom Adler in Lippertsreute und bei Andreas Liebich vom Johanniterkreuz in Andelshofen geklappt. Das hat uns sehr sehr gefreut, dass dies möglich war für zwei unserer Schüler 2021 noch nach Deutschland ins Praktikum zu gehen. Denn, es ist ja auch für die Gastrobetriebe überall kein einfaches Jahr gewesen. Ich bin froh und dankbar, dass unsere zwei Kochazubis trotz aller Schwierigkeiten einen Monat bei den zwei Betrieben ihre Fachkenntnisse erweitern und ihre Sprachkenntnisse verbessern können. So haben sie auch die Möglichkeit das Thema unseres diesjährigen Projekts zu studieren: „Nachhaltige und umweltschonende Betrachtungsweise in Gastronomie und Tourismus auf europäischer Ebene“.

 

Was wünschst du dir für die Zukunft?

 

Hilda: Ein normales Leben wie es früher gewesen ist, für alle Lebensbereiche. Natürlich vor allem im Schulwesen, also im Unterricht; aber ich habe festgestellt, dass die Menschen weit weg sind voneinander, die Kontakte wurde so beschränkt auch durch Ausgehverbote, dass wir alle zurückhaltender geworden sind. Wir haben kuriose Regeln durchhalten müssen, z.B. gab es bei uns Perioden, zu denen nur Rentner einkaufen gehen durften im Supermarkt oder auf dem Markt. Du musst das dann erst mal in deinem Kopf verankern: Ich gehe einkaufen und werde auf dem Markt angesprochen: „Was machst du hier?“ „Ich kaufe ein“. „Aber schau wie spät es ist: du darfst jetzt nicht einkaufen“…Wahnsinn! Oder es durften nur 50 Leute in den Supermarkt und am Eingang stand ein Mann und hat gezählt…

Das muss ich nicht haben in der Zukunft.

 

 

 

Hilda Daskalopoulos-Kuzbelt mit ungarischen Praktikantinnen im Jahr 2018